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Zweit­lieferant für Drehteile: Was Sie in den ersten 90 Tagen prüfen sollten.

Der Anlass ist fast immer derselbe: Der einzige Zerspaner für ein Teil ist ausgefallen, hat den Preis erhöht oder liefert seit Monaten zu spät. Der Zweitlieferant soll das Risiko nehmen. Ob er es tut, entscheidet sich nicht am Erstmuster, sondern in den drei Monaten danach.

9 Min. LesezeitStand: 9. September 2026

Einen Zweitlieferanten zu qualifizieren, ist Arbeit, und deshalb wird es aufgeschoben, bis der erste ausfällt. Dann geht es schnell, und schnell heißt: Erstmuster in Ordnung, Freigabe, Bestellung. Drei Monate später stellt sich heraus, dass der Neue jede zweite Lieferung zu spät bringt, dass die Oberfläche in der Serie anders aussieht als am Muster und dass er bei Änderungen Wochen braucht.

Das Erstmuster beweist, dass ein Zerspaner ein Teil fertigen kann. Es beweist nicht, dass er es hundertmal in derselben Qualität kann, dass er pünktlich ist oder dass man mit ihm arbeiten kann. Dafür braucht es drei Monate und zehn Punkte, in dieser Reihenfolge.

Zehn Punkte in 90 Tagen

  1. 01Tag 1: Die Zeichnung, die tatsächlich giltVor der Anfrage den Zeichnungsstand prüfen. Beim ersten Lieferanten laufen oft Änderungen, die nie in die Zeichnung zurückgeflossen sind — er weiß, wie das Teil gemeint ist. Der Zweite weiß es nicht und fertigt nach Papier.
  2. 02Tag 1: Was außer der Zeichnung noch dazugehörtWerkstoffzeugnis, Oberflächenbehandlung, Verpackung, Kennzeichnung, Prüfmittel, Freigabeprozess. Alles, was beim ersten Lieferanten mündlich geregelt ist, muss beim zweiten schriftlich sein, sonst bekommen Sie ein Teil nach Zeichnung und keins, das passt.
  3. 03Woche 2: Das Angebot lesen, nicht nur den PreisLosgrößenstaffel, Lieferzeit ab Bestellung, Rüstkostenausweis, Materialbeschaffung durch wen, Gültigkeit. Ein Angebot mit einem Preis für eine Menge sagt wenig; eines mit drei Mengen zeigt, wie der Zerspaner rechnet.
  4. 04Woche 3 bis 4: Erstmuster mit MessprotokollNicht ein Teil, sondern drei bis fünf, aus derselben Aufspannung, mit vollständigem Erstmusterprüfbericht. Für Automotive nach PPAP oder VDA 2; sonst reicht ein Protokoll aller tolerierten Maße. Messen Sie selbst nach, mindestens die funktionalen Maße.
  5. 05Woche 4: Die erste Kleinserie, hundert Prozent geprüftEin Los von 20 bis 50 Stück, jedes gemessen. Was hier abweicht, weicht in der Serie auch ab. Streuung ist der Befund, nicht der Einzelwert: Liegen alle Maße mittig, ist der Prozess stabil; drängen sie an die Grenze, ist er es nicht.
  6. 06Woche 5 bis 8: Liefertreue messen, nicht erfragenZwei bis drei Bestellungen mit realistischer Lieferzeit. Notieren, was zugesagt und was geliefert wurde, auf den Tag. Ein Lieferant, der in der Probezeit zu spät liefert, wird es später nicht besser machen.
  7. 07Woche 6: Eine Abweichung provozierenMelden Sie eine kleine Beanstandung, berechtigt oder grenzwertig. Wie schnell kommt eine Antwort, wer meldet sich, wird analysiert oder abgewiegelt? Das Verhalten bei der ersten Reklamation ist das Verhalten bei allen folgenden.
  8. 08Woche 8: Eine Änderung durchspielenEin geändertes Maß, eine neue Zeichnungsrevision. Wie lange braucht der Lieferant vom Erhalt bis zur Bestätigung, was kostet es, wie sauber trennt er alte und neue Teile? Änderungen sind im Maschinenbau der Normalfall.
  9. 09Woche 10: Der Besuch vor OrtMaschinenpark, Messraum, Auslastung, wer die Teile spannt und wer sie misst. Ein Nachmittag zeigt mehr als alle Zertifikate: ob der Betrieb aufgeräumt ist, ob die Messmittel kalibriert sind, ob Ihr Teil dort eine Nummer oder ein Auftrag ist.
  10. 10Woche 12: Bewertung mit Zahlen und EntscheidungMaßhaltigkeit in ppm, Liefertreue in Prozent, Reaktionszeit in Tagen, Preis gegen den ersten Lieferanten. Danach die Entscheidung: Zweitquelle mit festem Anteil, Reservelieferant mit jährlichem Probeauftrag, oder nicht geeignet.

Der Fehler nach der Freigabe

Die meisten Zweitlieferanten sterben nach der Qualifizierung, nicht davor. Sie werden freigegeben, bekommen keinen Auftrag, weil der erste Lieferant ja liefert, und sind nach einem Jahr keine Zweitquelle mehr, sondern ein Name in einer Liste. Wenn der erste dann ausfällt, beginnt alles von vorn.

Ein Zweitlieferant ist nur einer, wenn er liefert. Ein fester Anteil am Volumen, zwanzig oder dreißig Prozent, hält ihn im Prozess: Er kennt das Teil, hat das Werkzeug, hat die Zeichnung auf dem neuesten Stand. Das kostet manchmal etwas mehr als alles beim Günstigsten zu bestellen. Es ist der Preis der Versorgungssicherheit, und er ist niedriger als drei Wochen Stillstand.

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